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2 AUG

Sommer Zeichnung


Vor etwa einem Jahr brachte meine Tochter Sanna mir einen Nistkasten, den eine Frau in Sannas Geschäft zurückgebracht hatte, weil er so hässlich zu rosten begann. Und ich mag gerade die Dinge besonders, die nicht perfekt sind. Ein Blatt mit Flecken oder Löchern, ein Apfel mit Wurmstichen, Menschen, die nicht ganz perfekt sind.

Dementsprechend war es Liebe auf den ersten Blick: der nicht perfekte Nistkasten. Ich stellte ihn auf den Gartentisch vor mein Arbeitszimmer und wusste, dass ich ihn irgendwann in einer Zeichnung verwenden würde.

Einige Tage später brauchte ich etwas Schnittlauch – eine gute Entschuldigung für einen kleinen Spaziergang durch den kleinen Obstgarten zum Kräutergarten. Ein kleines Bund Schnittlauch gepflückt. Oh, die Himbeeren sind reif! Ein paar probieren – sie schmecken nach Sommer, den Rest in einem alten Blumentopf für Gaston mitnehmen. Der Teil des Gartens, wo die Blumen zum Pflücken stehen, war so üppig mit Glockenblumen in blauen und rosa Dolden bewachsen, dass ich einige abschneiden musste, um noch über den schmalen Kiesweg laufen zu können. Die letzte Pfingstrose wollte ich noch auf meinem Tisch genießen, der verblühte Mohn prahlte so stolz mit seiner herrlichen Samenkapsel, dass er auch mit musste, und den vielversprechenden Mohn mit seiner Knospe konnte ich auch nicht stehen lassen …  Noch ein paar Stachelbeeren und Fingerhut und dann wurde es auch Zeit, den Schnittlauch endlich in die Küche zu bringen.

Als ich den Strauß auf meinen Gartentisch legte, kostete es mich große Mühe, den Schnittlauch wiederzufinden … Den Tisch, auf dem zufällig der Nistkasten stand. ZEICHNUNG! Dieser Moment überrascht mich eigentlich immer, er schlägt wie ein angenehmer Blitz ein. Ja, und dann beginnt das Abenteuer: das Ordnen, das Erneuern eines Augenblicks, den man festhalten will.

Ich fange dann immer mit einer Art Skizze im Briefmarkenformat an. Gefahrlos klein und übersichtlich, denn mich überkommt stets eine Art Platzangst, wenn ich einen großen weißen Bogen vor mich hinlege. Er scheint in die Unendlichkeit meines dann noch leeren weißen Tisches auszulaufen! Ich suche nach Linien, Richtungen, Einteilungen, erst einmal mit einem Bleistift auf einem Papierfetzen. Aber eigentlich ist das schon das solide Gerüst meiner großen Zeichnung.

Auf einem etwas größeren Format mache ich dann einige Farbversuche, am Rand eine Musterkarte mit den Farben, die ich verwenden will. Manchmal etwas kurz gefasst, das hängt ein bisschen vom Motiv ab.

Bei dieser Zeichnung hatte ich auf meiner Skizze im Hintergrund die Bank vor der Buchenhecke vage angedeutet, auf der noch kurz gesessen hatte, bevor ich den Kräutergarten verließ. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich sie mit ins Bild nehmen sollte ... und eigentlich zweifle ich niemals, also bat ich Gaston um Rat. Tue ich fast nie. Glücklicherweise habe ich es getan, in diesem Fall. Er schaute kurz darauf und sagte: Tu’s nicht, viel zu unruhig über dem Vordergrund, der auch schon so voll ist.“ Jetzt, wo die Zeichnung fertig ist, sehe ich, dass Gaston recht hatte. Die Unruhe aus Linien und Farben in der unteren Hälfte der Zeichnung wird nun aufgefangen von den ruhigen getuschten Grüntönen. Bewegung unten, Ruhe oben. Der Nistkasten sorgt für eine Verbindung der beiden Teile. Die Mohnknospe, auf der das erste Stückchen Rosarot hervorblitzt, wollte ich an jener Stelle zeichnen, um eine Verbindung zu den Himbeeren darüber zu schaffen.

Wie herrlich, dass man niemals fertig wird. Dass man, auch wenn man genau wusste, was man einfangen wollte, unaufhörlich weiter verändert, weiter beobachtet. Zufrieden bin ich niemals. Einfach, weil es noch so viel gibt, was ich zeigen wollte, was ich erzählen wollte. Dennoch „gewöhne“ ich mich nach ein paar Tagen an meine Zeichnung, und nach einer Woche liebe ich sie. Die Erinnerung an etwas Schönes, was ich versucht habe festzuhalten. Wenn ich mir die Zeichnung jetzt anschaue, gehe ich wieder langsam genießend, pflückend, schnuppernd durch meinen Sommergarten.

 

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